Russka banja auf der Dadscha

Alexandr, genannt Sascha und Alexei, genannt Ljoscha. Der drahtige Ljoscha mit seinem 1 Zentimeter-Vollbart und der nicht nur für russische Frauen attraktive Sascha mit der angenehm ruhigen Art. Beide waren mir schon auf der Begegnung in Berlin aufgefallen. Ljoscha, weil er hervorragend Englisch spricht und viel interessantes über das russische Fernsehen erzählen konnte, wo er selbst bei einem Sender arbeitet, und Sascha, weil er wenig Englisch konnte, aber die ganze Zeit so interessiert zuhörte, so dass ich mich  fragte, was er wohl zu den einzelnen Themen dachte.

Mit beiden freundete ich mich während unserer Ausflüge und Seminare in Berlin an. Ljoscha war einfach sehr freundlich, offen und hilfsbereit und übersetzte, wenn Sascha und ich redeten. Jedenfalls kam es so, dass wir offen über unsere Gemeinsamkeiten redeten und aus irgendeinem Grund kamen wir auf das Saunabaden zu sprechen. Ich meinte, dass ich gerne in die Sauna gehe, und ob es eine Art typisch russische Sauna gäbe, da ich bisher nur von der finnischen Sauna gehört hatte. Die gäbe es, man nennt sie russka banja. Sascha meinte dann, dass er mich zu einer typischen russka banja einlädt, wenn wir in Russland sind. Ich freute mich sehr über das Angebot und fragte mich, ob er es wohl war machen würde, schließlich kannten wir uns noch nicht so lange.

Mehrere Monate später in Russland. Nach der stressigen und von bürokratischen Hürden erschwerten Ankunft in Russland und einer langen Fahrt im Nachtzug kamen wir endlich im ruhigeren Petrozavodsk an und trafen dort ersteinmal auf ein unbekanntes Gesicht. Wie sich herausstellte, bekamen wir die anderen Teilnehmer erst im Zentrum für Jugendarbeit zu sehen. Dort angekommen erfuhren wir, dass wir Sascha und Ljoscha erst später treffen würden. Nach einer Komplikation mit unserer Unterbringung stellte sich heraus, dass ein anderer Teilnehmer, Robert, und ich bei Sascha, der inzwischen auch gekommen war, übernachten würden. Wir unternahmen einige Ausflüge und besichtigten verschiedene vor allem für die Jugendarbeit bedeutsame Orte in Petrozavodsk. Mit Ljoscha besichtigten wir das Studio des Fernsehsenders, für den er arbeitet. Zwischendurch mit den beiden wieder ins Gespräch gekommen, wiederholte Sascha das Angebot und lud mich ein zu seiner Dadscha, einer Sommerhütte, wie es viele in Russland gibt. Alles in allem, war unser Ausflugsprogramm aber doch mit sehr viel Lauferei und Pausen hauptsächlich zu den Mahlzeiten verbunden gewesen. So waren wir froh, jetzt einen Ausflug in Grüne zu machen.

Die Dadscha war eine in einem kleinen Waldstück errichtete größere Holzhütte mit einem Garten. Die Sauna war bereits im Betrieb, als wir ankamen und ich lernte Saschas Bruder und seine Eltern kennen. Saschas Vater hatte mit seinem Schnurrbart und seinem Gesicht sofort etwas typisch russisches, fand ich. Die Eltern waren wohl eben erst aus der Sauna gekommen, die wir etwa 10 Minuten später betraten. Es gab einen etwas größeren Umkleideraum, dem sich ein kleiner Vorraum zur Sauna anschloss, und hinter einer Glastür war der eigentliche Saunaraum. Dieser war recht klein und hoch. Die Hitze, die von dem mit Steinen umgebenen Ofen in der Ecke ausging, stieg zur obersten Bank hoch, wo man saß. Wir machten mehrere Saunagänge und betraten den Saunaraum jedesmal mit Filzhüten auf dem Kopf, die ich recht amüsant anzublicken fand. Sie waren aber recht nützlich, da sie die Hitze vom Kopf fern hielten, so dass niemandem schwindelig wurde. Nach jedem Saunagang setzten wir uns auf eine alte Sitzbank, die wohl von einem Auto einmal ausgebaut worden war, sich aber als recht gemütlich erwies. Es gab Getränke und Bier. Beim letzten Saunagang kam das typisch russische an der Sauna zu tragen. Man schlug sich leicht mit in Wasser eingelegten Birkenzweigen, deren ausgetretener Saft einen angenehmen Duft im Raum verteilten. Die zusätzliche Hitze der Schläge hätte Neulinge in der Sauna leicht umhauen können, doch ich hatte genügend Erfahrung und empfand es als sehr angenehm. Als wir fertig waren, uns angezogen hatten und ich meine Tasche aus dem Haus holte, merkte ich, dass die Eltern noch wach waren. Es musste wohl schon fast 23 Uhr gewesen sein, doch es stellte sich heraus, dass sie auf uns gewartet hatten. Die Mutter tischte ein herrliches Mahl auf, dass aus Kartoschka (Kartoffeln), von denen sie wusste, das Deutsche sie besonders gerne mögen, und Gemüse bestand. Ich freut mich sehr, denn mittlerweile hatte sich Hunger eingestellt.

Die Mahlzeit war hervorragend und alles Gemüse aus dem eigenen Garten vor dem Haus geerntet und zubereitet worden. Die süße, kleine Tochter von Saschas Bruder spielte mit einem kleinen Sprachcomputer, den sie mir wohl zeigen wollte, und redete mit mir auf russisch, und schaute mich mit großen Augen erwartungsvoll an, was ich wohl antworten würde. Schließlich bemerkte sie wohl, dass ich sie nicht verstehen konnte, und krabbelte unter dem Tisch davon. Es war eine warme und herzliche Atmosphäre, die mir im Kreis von Saschas Familie entgegen kam. Das hatte so überhaupt nichts von kalter Sowjet Manier oder Fremdenfeindlichkeit, die in manchen Klischee-Bildern noch anklingen. Saschas Eltern waren sehr herzlich und der Vater empfing mich gerne in seinem Haus und im Kreis seiner Familie, das war deutlich zu merken. Er konnte einige Worte auf Englisch und Deutsch sprechen, da er als ehemaliger „Segler“, wie man mir übersetzte, weit rumgekommen war. Bei dem Wort „Segler“ fragte ich mich, ob ich es wohl mit einem ehemaligen Marine-Offizier der Sowjetunion zu tun hatte! Aus Respekt, sprach ich dieses Thema jedoch nicht an, was sich als gute Entscheidung erwies. Wie ich später im Auto erfuhr wird über die alte Zeit nicht gerne gesprochen.

Bei der Verabschiedung umarmten mich die Eltern und die herzliche Atmosphäre rührte mich einmal mehr. Zurück in Saschas Wohnung angekommen schliefen wir bald zwar kurz, aber tief und fest. Nachdem ich in Deutschland wieder angekommen war, rückten mir die Ereignisse jenes Abends immer wieder ins Gedächtnis. Diese Gastfreundschaft und Wärme war so intensiv, so unverhofft gekommen. In meinem AFS Austauschjahr in Brasilien hatte ich bereits viel an Gastfreundschaft kennengelernt, denn in Brasilien ist Gastfreundschaft auch ein hoher Wert. Doch diese Herzlichkeit, Offenheit und Wärme in aller Schlichtheit auch und ohne Zwänge oder gesellschaftliche Etikette hat mich nachhaltig beeindruckt. Überhaupt erwies sich der ganze Austausch als ein Überbordwerfen von überkommenen Vorstellungen des ehemaligen Ostblock Staates. Die Menschen waren offen, freundlich und interessiert und hilfsbereit. Und das nicht einmal nur das junge Volk, wie mir dieser Abend mit Saschas Familie auf der Dadscha zeigte. Russland hat mich überzeugt. Nächste Woche beginnt mein Russischkurs.

Benni

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